F. E. Kneissl

Die Rolltreppe in Hongkong. Gottfried Pirhofer anlässlich der Ausstellung ‘Menschenteppiche’. Wien 2017

Wenn wir Texte fabrizierten und ich mit abstrakten Gedanken spielte, legte Kneissl Bilder auf. Sie schärften und korrigierten manches. „Uns interessiert die Collage als Zeichen der Zusammensetzung unterschiedlicher Standardvorstellungen und nicht als Stil. Utopisch weitergedacht, würden die Bruchlinien immer mehr verblassen und zu einem Gesamtbild führen.“ (Direkte Architektur. Über Standard, Extras und Permanent)

Zur Direkten Architektur zeigte mir Kneissl das Foto einer Rolltreppe, die über die Felsen geht: als ein Extra und Permanent, das weit über den Standard der Architektur und Infrastruktur hinausführt und das Stadtleben angenehmer und umweltverträglicher macht. Tausende Angestellte der Hongkong-AG müssen nicht mehr mit Motorrollern oder Autos von den Wohnungen zu den Arbeitsstätten hinab oder hinauf fahren, sondern können stehend rollen. Aber sie bleiben die Gerollten, sagte ich Kneissl, und er sagte, dann müssen wir schärfer werden. Aber Kneissl war ein Meister des Understatement. Die Schärfe seiner Bilder zeigt sich, wenn man schaut und denkt.. Nicht mehr die Wiese ist wie ein Teppich, diese falsche Projektion. Es braucht nicht mehr Metaphern. Menschteppiche überziehen die Welt.

Wie setzt man Entwicklungen der großen Zahl, wenn Maschinen oder Algorithmen – nicht die anatolischen Knüpferinnen, sondern durchgeknallte Apparate – Teppiche aus unzähligen kleinen Knoten weben, diese mit dem Einzelnen, der nur vage durchblickt und wenn er durchblickt, nichts ändern kann, in eine Beziehung, die keine Beziehung ist?

Elias Canetti schrieb nach dem Justizpalastbrand Masse und Macht. Rudolf Brunngraber den Roman Karl und das 20. Jahrhundert. Kneissl collagierte Bilder der Masse. Seine Masse ist machtlos. Der Menschenteppich, auf den man draufsteigt. Wer? Kneissl sagt dazu nichts. Seine Bilder sind hell, aber dann kommt Dunkles durch.

Die schönsten Menschenteppiche, die ich kenne, sieht man an den Stränden in Vietnam, an denen die Selben, die in der Stadt hart arbeiten und auf ihren Motorrollern von und zur Arbeit eine Strömungsmasse sind, die gleichen T-Shirts tragen und am Sand und im Wasser Gruppen bilden, und doch ist es so, dass Jeder, soweit man sehen kann, verhalten spielerisch Wellen und Luft genießt. Die Knoten – auch in den Einzelnen – können sich lösen. Kann es – über die Bruchlinien, die sich verschärfen – Übergänge zu einem neuen und ANDEREN Gesamtbild geben ? Kneissls Utopie von der komplexen Einfachheit.

Der äußerste Individualist, der Kneissl war, produzierte Bilder aus Bildern, die als innere Bilder wirken. Es gibt wenige Texte und Bilder, die vorausschauen und nachwirken, und zugleich mehr, als man das kurze Leben lang sehen und lesen kann. Als Kneissl wieder einmal in mein Arbeitszimmer kam, sagte er, da werden Bilder an die Wand gehängt und Bücher an die Wand gestellt. Eine Schrecksekunde. Dann wusste ich, was er sagte.

 

F. E. Kneissl im Architekturbüro Wilhelm Holzbauer, Amsterdam [Anfang 1970er Jahre]