
THEMA HOLZSESSEL
in: Franz E. Kneissl Der Praterstern ist kein Himmelskörper , hrsg Martina Pfeifer Steiner. S 276/277 Sonderzahl 2017
Wir gehen von dem Grundsatz aus, daß Produkte – in diesem Falle der Holzsessel – dann neu zu entwickeln sind, wenn sowohl im Gebrauch als auch in der Ökonomie der Herstellung geänderte Bedingungen vorliegen. Global betrachtet existieren Millionen von Sesselprodukten, von denen eine gewisse Anzahl sowohl formal als auch konstruktiv entsprechen. Es wäre daher – theoretisch – eine akzeptable Entscheidung, für den MURAUER SESSEL – sagen wir – aus dem Repertoire der Shaker ein Modell auszuwählen und nachzubauen. Wenn ökonomisch vertretbar, sollte man gute und bewährte Modelle weiterproduzieren, und nicht mit der Blauäugigkelt eines Heimwerkers den millionenundeinten Entwurf versuchen. Mit anderen Worten: Es erscheint uns wert zu hinterfragen, ob zu den vielen vorhandenen Holzsesselmodellen eine weitere Variante hinzuzufügen sinnvoll ist in Kenntnis der Tatsache, daß seit der Einführung etwa der Holzleimtechnik keine wesentlich neuen Innovationen möglich sind (wobei die Holzleimtechnik eine industrielle Fertigung voraussetzt).
Aus diesen Überlegungen resultiert der Vorschlag einer Holz-Metall- Verbundkonstruktion. Holz soll dort verwendet werden, wo es unübertrefflich ist: in Körpernähe. Dort wo diese Vorzüge nicht gebraucht werden, soll ein Material gewählt werden, das bei geringerem Arbeitsaufwand höhere Festigkeit bietet: Metall.
Die Metallkonstruktion dient als Servus-Einrichtung, um die Sitz– und Lehnflächen in die gewünschte Höhe und Lage zu stemmen. Eine Dienstleistung des Metalls für das Holz. Die Ersparnis bei der Unterkonstruktion kann nun für jene Teile aufgewendet werden, wo die eigentlichen Anforderungen liegen. Die Herstellungskosten sollen zu einem überwiegenden Anteil in den Sitzkomfort einfließen.
Der spinnenbeinige Jacobsen-Sessel ist ein Holzsessel. Diesem Entwurf liegt als Unterkonstruktion die bekannte und bewährte Linienführung des Freischwingers zugrunde. Die Konstruktion besteht jedoch nicht aus gebogenem Rohr, sondern entsprechend der Herstellbarkelt in Kleinwerkstätten, aus zusammengeschweißten Formrohrteilen 20/40 bzw. Flachmetall. Die eckige Ausführung mindert die bekannte Kipptendenz des Freischwingers. Entsprechend dem Stellenwert als Servus-Konstruktion sollen die Metallteile unauffällig grau lackiert werden, wobei die Schweißnähte sichtbar sein können. Die Freischwinger-Konstruktion bietet überdies den Vorteil, daß die Federung, die sonst nur mit Polsterung, Geflecht oder aufwendigen Federmechanismus erreicht werden kann, in der Konstruktion selbst beinhaltet ist. Es ist zudem eine charakteristische, optisch ansprechende Form.
Die wichtigsten Teile des Sessels, nämlich jene Teile, die mit Körperberührung verbunden sind, sollen hingegen aus fein ausgearbeiteten, ergonomischen Ansprüchen genügenden Vollholz (etwa Buche – farblos behandelt) bestehen: Die Sitzflächen, die Rückenlehne und die Armlehnen. Darüber hinaus plädieren wir dafür, daß nicht nur die Funktion des Sitzens erfüllt wird, sondern darüberhinaus die Funktion des haptischen Entdeckens – Feinheiten, die durch den ökonomischen Druck meist vernachlässigt werden müssen.
Der mitgelieferte Prototyp veranschaulicht die Idee ansatzweise:
– Die Verbindung zwischen Rückenlehne und Sitzfläche muss gelenkig sein.
(Für den Prototyp konnte kein passendes Metallteil gefunden werden.)
– Die beiden vorderen, senkrechten Metallteile sollen ab Oberkante Sitzfläche so wie die Armlehnen aus Holz mit eingeschlitztem Metallteil ausgeführt werden.
– Zwischen diesen vorderen, senkrechten Teilen und den Armlehnen soll ein mindest 1cm großer Abstand sein, um ein Entlanggleiten der Hände an den Armlehnen nicht zu behindern.
– Die Holzteile am Prototyp zeigen andeutungsweise die möglichen Ausformungen für Ellbogen, Fingerspitzen bzw. an der Rückenlehne und der Sitzfläche. Es wird fachgemäße Entwicklungsarbeit notwendig sein, um die richtigen Ausformungen festzulegen.
– Alle Materialstärken sind im Endergebnis auf das Äußerste zu minimieren.