Der Praterstern ist kein Himmelskörper

“Kneissls Gabe der Registrierung, der Beschreibung feinster Nuancen und Verhaltensmuster im Alltagsleben, im Ballett der öffentlichen und privaten Raumnutzungen, in den grotesken Powerplays von Politik und Medien, in den beruflichen Kämpfen und flottierenden Ideologien, all das fand bei ihm im fortschreitenden Alter ein ihm adäquateres Feld in Texten, in Studien und Wettbewerbskonzepten und konzentrierte sich mehr und mehr im literarischen Bereich. Neben immer noch gültigen Beiträgen in Fachjournalen fand sein Architektur-Roman viel Anerkennung in Literaturkreisen. Kneissls Schreiben bot ein skurriles, hellsichtiges, surreal wahrhaftiges Sittenbild unserer Zeit – aus der Perspektive seines beruflichen Milieus; eine narrativ locker verbundene Montage dispersester Wirklichkeits-Zitate.” Otto Kapfinger

Gesammelte Texte. Herausgegeben von Martina Pfeifer Steiner. Mit Beiträgen von Otto Kapfinger, Gottfried Pirhofer. 328 Seiten. ISBN/ISSN978-3-85449-487-4


LESEPROBE

“Eine steile Felswand wird üblicherweise nicht als Boden bezeichnet, obwohl es eine Bodenformation ist wie ein Hang, ein Tal oder eine Ebene. Boden geht unter Wasser durch und kommt an anderer Stelle wieder heraus. Wenn man unter Wasser gehen könnte, wäre es möglich, zu Fuss von New York nach London zu gehen. Es ist derselbe Boden. Ob darauf Japaner, Afrikaner oder Amerikaner stehen: es ist ein Boden, den kein Zaun, keine Mauer, keine Grenze und kein Gebäude zerteilen kann. Er taucht wie ein Wal unter einem Schiff durch und zieht weiter. Boden ist als die Unterseite von Luft und Wasser ein abstrakter Begriff ohne Tiefe und Bild. – Hast Du die Schere? – Nein, vielleicht ist sie auf den Boden gefallen. Das Wort Boden ist dabei lediglich ein Hinweis, man möge auf der Ebene, auf der man selbst, der Sessel und der Tisch steht, nachsehen, denn was nicht auf dem Tisch liegt, kann nur zu Boden gefallen sein. Egal ob zu ebener Erde, im Keller oder im sechsten Stock, ob im Freien oder in einem Raum: am Boden sammelt sich, was herunterfällt.”


ZUM INHALT

Betrachtet man das Werk Franz E. Kneissls, das mit der Herausgabe der gesammelten Texte und in der Ausstellung seines bildnerischen Werkes mit seinen zeitkritischen Collagen und Zeichnungen anlässlich der Buchpräsentation in Wien anschaulich wird, kann man feststellen, dass seine Themen, seine Ideen auf bildnerischer wie literarischer Ebene gleichwertig und konsequent behandelt sind. Er erfand neue Begriffe für seine Beobachtungen von Phänomenen, es gibt Texte, genauso gibt es Bilder. Zum Beispiel kommt >Menschenteppich< immer schon vor, seitdem er sich literarisch äußerte in seinen Texten, jedoch übermäßig in seinen Bildern, und wird deshalb zum Titel der Ausstellung im Reaktor in Wien-Hernals.

Der Respekt vor dem Werk des Künstlers, den man nicht mehr befragen kann, der sich nicht mehr wehren kann gegen wohlmeinende Interpretation, ist groß. Kneissls Nachlass gibt viel Stoff und er formulierte seine Konstrukte akribisch aus, literarisch wie zeichnerisch.

Ein gewisses Maß an Ermessen ist bei der Aufarbeitung eines Nachlasses jedoch immer dabei. Da helfen nur pragmatische Regeln weiter, ein Rahmen in dem das Vorhaben, die gesammelten Texte herauszugeben, funktioniert. ›Alles was fertig ist‹ war die Maxime. Eindeutig feststellbar, bei den publizierten Texten, da konnte man in die Fülle greifen. Bei Kurzgeschichten, Betrachtungen und Korrespondenzen hat es Kneissl ebenfalls leicht gemacht, denn seine Art der Ablage befreite von eigenen Annahmen.

Die ersten Essays Kneissls erschienen Anfang der 1990er Jahre in der Zeitschrift Architektur.Aktuell. Sie lesen sich heute noch mit unveränderter Relevanz. Einer davon befasst sich mit ausführlichen Recherchen am Praterstern und bringt diesen Buchtitel ein. Auch die Reflexionen zu >Boden< erschienen zuerst in der Architekturzeitschrift, bevor der wesentliche Text Teil von Kneissls Roman >Eine Ratte namens Apfel< wurde. »Eine steile Felswand wird üblicherweise nicht als Boden bezeichnet, obwohl es eine Bodenformation ist wie ein Hang, ein Tal oder eine Ebene. Boden geht unter Wasser durch und kommt an anderer Stelle wieder heraus. Wenn man unter Wasser gehen könnte, wäre es möglich, zu Fuss von New York nach London zu gehen. Es ist derselbe Boden.
Ob darauf Japaner, Afrikaner oder Amerikaner stehen: es ist ein Boden, den kein Zaun, keine Mauer, keine Grenze und kein Gebäude zerteilen kann. Er taucht wie ein Wal unter einem Schiff durch und zieht weiter. Boden ist als die Unterseite von Luft und Wasser ein abstrakter Begriff ohne Tiefe und Bild.«
- Auszug Essay >Boden<

Eine weitere seiner Erfindungen ist MOBA, »ein nebuloses, weißliches, gräuliches, manchmal ins ranzig Gelbliche changierendes Gebilde. Hin und wieder nimmt es menschliche Formen an, aber so unförmig, als ob drei in einer Haut stecken würden. Dann aber verrinnen die Konturen plötzlich, und es löst sich in Luft auf oder vervielfacht sich zu einer bis zum Horizont reichenden Armee. Wenn es sich entschließt aufzutreten, trägt es, wie ein muskelbepackter Athlet, ein rotes Trikot mit den groß und blockig aufgedruckten Anfangsbuchstaben von Management, Organisation, Bürokratie und Administration: MOBA.«

MOBA spielt auch in seinem Architektur-Roman eine Rolle und profilierte sich anschließend als Kolumne in der Zeitschrift Hintergrund (Hrsg. Architekturzentrum Wien). Wie sich Kneissls Schreiben weiterentwickelte ist in der »Sammlung imaginärer Episoden, die, paarweise gegenübergestellt, das Phänomen des Kippverhaltens von zivilisierten Menschen und Menschengruppen abhandeln« zu beobachten, veröffentlicht als >Taxi zum Parkplatz< bei Sonderzahl. Wie beim Roman orientieren sich die Auszüge der früheren Veröffentlichungen (beide Bücher sind vergriffen) auch bei diesen Episoden an der Auswahl Kneissls. Zur chronologischen Ordnung und Orientierung gibt es Trennblätter mit Jahreszahlen. Der Bogen spannt sich von den Texten seiner letzten Veröffentlichungen bis zu den frühen Essays in Architektur.Aktuell und den Betrachtungen zur >Reparatur der Traumstadt< oder zum >Stadtraumkampf<, ein Gemeinschaftswerk mit Gottfried Pirhofer, und visionären Ausstellungsprojekten wie >Zeitplastik<. Naheliegend war auch, bei gesammelten Texten die Publikationsliste mit dem Inhaltsverzeichnis zu kombinieren, es funktionierte!

Otto Kapfinger und Gottfried Pirhofer haben nicht nur bei der Konzepterstellung im Editorial Board mitgewirkt, sondern auch jeweils einen Artikel beigetragen: Kapfinger eine biografische Betrachtung zu Person und Werk Kneissls und Pirhofer über das gemeinsame Ringen um die >Traumstadt< und gemeinsame städtebauliche Texte.

Mit  >Der Praterstern ist kein Himmelskörper< liegt das literarische Werk von Franz Eberhard Kneissl in seiner Gesamtheit vor. Die Konzentration aller eingesammelten Texte einerseits und die Straffung seiner Buch-Veröffentlichungen andererseits ergeben eine spannende Dramaturgie. Kneissl kann wieder ganz neu gelesen werden. Frappierend, wie aktuell seine Werke heute sind.
Martina Pfeifer Steiner